Geschichte

Zur Geschichte des Saarländischen Chorverbandes

2012 feierte der Saarländische Chorverband, ehemals Saar-Sängerbund, 150-Jahr-Jubiläum. Anlass war die Erstnennung des Namens „Saar-Sängerbund“ im Jahr 1862. Der damalige Sängerbund ist zwar nicht gleichzusetzen mit der heutigen Dachorganisation der saarländischen Laienchöre, doch darf er zu ihren Vorläufern gezählt werden – ein früher regionaler Sängerbund, wie sie in Deutschland ab den 1830er Jahren und dann vor allem nach der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Das geschah vor dem Hintergrund der im Zeichen nationaler Einigung stehenden Organisationsbestrebungen der Sänger, welche – ebenfalls 1862 – in der Gründung eines nationalen Dachverbands, des Deutschen Sängerbunds, heute Deutscher Chorverband, gipfelten.

Am 5./6. Oktober 1862 feierte der Saar-Sängerbund in Saarbrücken und St. Johann sein erstes großes Sängerfest. Der wenige Monate zuvor gegründete Sängerbund war ein Zusammenschluss von neun Gesangvereinen aus dem Raum Saarbrücken mit insgesamt 208 Sängern. Solche kleinen Bünde gab es damals wie auch später immer wieder an der Saar, deutschlandweit auch schon früher. Sie dienten u.a. dazu, musikalische Auftrittsmöglichkeiten zu verbessern, etwa durch Gemeinschaftskonzerte, und können mit der Zielsetzung gemeinsamer Pflege und Förderung chormusikalischer Betätigung als Vorläufer der späteren regionalen, auf Kreis- und Landesebene angesiedelten Sängerbünde gewertet werden.

Dem ersten Saar-Sängerbund war offenbar keine lange Lebensdauer beschieden. 1863 trat er noch mit Festen im „Thalia-Garten“ in Saarbrücken in Erscheinung, danach hört man nichts mehr von ihm.

Ein weiterer Saar-Sänger-Bund wurde 1876 im westlichen Saargebiet von der Merziger Liedertafel ins Leben gerufen. Auch hierbei handelte es sich um einen kleinen Verbund von Gesangvereinen. 1877 fand das erste Bundesfest in Wadgassen statt; bereits im Folgejahr wies der Bund ein Kassendefizit auf, was sein Ende einleitete.

1896 trafen beim Gesangwettstreit des Trierer Männergesangvereins Sangesbrüder aus Saarbrücken, von der unteren Saar und von der Mosel zusammen. Schnell wurde man sich einig, durch Zusammenschluss „eine Aufwärtsentwicklung der Männerchorsache herbeizuführen,“ so ein Teilnehmer. So entstand 1897 der Mosel-Saar-Nahegau bzw. Mosel-Saar-Nahe-Sängerbund, dem bald 50 Vereine angehörten. Die Zielsetzung, durch Wettsingen und Sängerfeste in der Region „dem deutschen Liede eine Heimstätte zu bereiten“, stand ganz in der Tradition der Sängerbewegung des 19. Jahrhunderts.

1912 gründeten in Saarbrücken 23 Vereine den Ausschuss der Gesangvereine von Saarbrücken und Umgebung. Er bildete die Keimzelle des späteren Saar-Sängerbunds – man könnte 2012 also auch 100-Jahr-Jubiläum feiern ...

Ziele des Ausschusses waren u.a. die Unterstützung von festgebenden Vereinen, Eingaben an Behörden, die Einführung von Ehrungen für langjährige Sänger sowie die Hebung und Pflege des Gesangswesens, z.B. durch Wettsingen und musikalische Weiterbildung. 1913 schloss sich der auf 43 Mitgliedsvereine angewachsene Ausschuss dem Mosel-Saar-Nahe-Sängerbund an, welcher im Juli 1914 in Saarbrücken ein großes Bundesfest feierte. Eine weitreichende Entfaltung seiner Arbeitstätigkeit verhinderte der Erste Weltkrieg.

Mit der Niederlage Deutschlands und der Abtrennung des Saargebiets war der Ausschuss der Gesangvereine von Saarbrücken und Umgebung wieder auf sich allein gestellt. Gemäß dem Ziel, einen Dachverband für den neuen Saarstaat aufzubauen, änderte er 1920 seinen Namen in Sängerverband des Saarlandes. Ihm schloss sich 1922 der zwei Jahre zuvor in Neunkirchen konstituierte Sängerbund Saar-Ost mit 38 Vereinen an und brachte auch eine Sängerzeitung mit ein, die den Namen Saar-Sänger-Bund erhielt. Nach zwei kurzlebigen Namenswechseln (Sängerbund des Saarlandes, Saar-Sänger-Verband) gab sich der Verband am 2. Juli 1922 ebenfalls den Namen Saar-Sänger-Bund (SSB) und ließ sich mit Sitz in Saarbrücken gerichtlich eintragen. Ende 1922 zählte der SSB 145 Mitgliedsvereine, 1925 bereits 269 und 1929  286. Sie verteilten sich auf acht Unterverbände, welche später in kleinere Gaue umstrukturiert wurden.

Den künstlerischen Aufgaben widmete sich ein Musikausschuss. Entschieden wendete sich der SSB gegen Preis- und Wettsingen und favorisierte Wertungssingen. Er förderte die verschiedenen Chorgattungen, ebenso „instrumentale Kunst“. Zu Bundes- und Dirigententagungen lud er führende Fachleute ein, die Weiterbildung der Chorleiter betrieb er durch Berufung renommierter Musikpädagogen, ab 1932 mit einer eigenen Chorleiterschule. Das Konzertleben befruchtete der SSB durch Einladung prominenter Chöre. Mit der Herausgabe von Liederblättern und einem Chorsängerbuch, der Anlage eines Partituren-Archivs sowie Literaturempfehlungen bekämpfte er „musikalischen Kitsch“. Auch verstand er sich als Wegbereiter zeitgenössischer Kunst durch Förderung junger Komponisten wie Erwin Lendvai, Bruno Stürmer, Armin Knab, Walter Rein u.a.

Höhepunkte im Verbandsleben bildeten die Bundesfeste in Saarbrücken 1924, Neunkirchen 1929 und Trier 1934, die Beteiligung an Bundesfesten des Deutschen Sängerbunds (DSB) sowie andere nationale Feiern. Die Feste spiegelten die musikalische Arbeit des Verbands umfänglich wider, dienten aber auch, wie überhaupt das Engagement des SSB, einem politischen, „kulturnationalen“ Ziel: der Rückkehr des Saargebiets zu Deutschland. Als wichtiger Vermittler patriotischen Gedankenguts an der Saar organisierte der SSB beispielsweise 1925 mit den Saar-Turnern die Rheinische Jahrtausendfeier in Saarbrücken, die größte Kundgebung für eine Deutscherhaltung der Saar vor 1933. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 warb der SSB vermehrt für das neue Deutschland. Als „Hitlers kulturpolitische Soldaten an der Saar“, so die Sängerzeitung 1934, sangen SSB-Chöre im so genannten Saarkampf patriotische Lieder auf Veranstaltungen der „Deutschen Front“. In organisatorischer Hinsicht trat man bereits 1933 zum Rheinischen Sängerbund über bzw. wurde Teil des neugegliederten Gaues XVI des DSB Nahe-Mosel-Saar und leistete damit an der Saar der kulturellen Gleichschaltung freiwillig Vorschub. Mit der Rückkehr des Saargebiets zum Deutschen Reich 1935 verlor der SSB im Grunde seine Existenzberechtigung. Beim Gautag in Bernkastel am 4./5. Mai 1935 wurde die Zusammenlegung der Gaue Nahe-Mosel-Saar und Pfalz zum Großgau Westmark beschlossen. Das war laut Sängerzeitung der „Schlußstrich unter die kampf- und siegreiche Geschichte des SSB“.

Der Zweite Weltkrieg ließ das Chorleben an der Saar, wie überall, weitgehend erlahmen. In der Nachkriegszeit wurde Chorgesang zunächst in den von der Militärregierung zugelassenen Kulturgemeinden ausgeübt, welche sämtliche Sparten des Kulturlebens in sich vereinten. Mit dem saarländischen Vereinsgesetz vom 13. Juli 1950 wurde die Gründung von Vereinen wieder ermöglicht, was vielfach zur Auflösung der Kulturgemeinden und zur Neubildung ehemaliger Vereine, auch Gesangvereine, führte. Schnell wurde auch wieder der Ruf nach einer Sänger-Dachorganisation laut. Zunächst gründeten sich die ehemaligen SSB-Unterverbände als Kreissängergemeinschaften bzw. Sängerkreise wieder: 1951 Saarbrücken-Stadt und -Land, St. Ingbert, Homburg, 1952 St. Wendel, Saarlouis, Merzig, Ottweiler. Ihnen folgte als lose Vereinigung einiger Kreise 1952 die Arbeitsgemeinschaft der Saarländischen Sängerkreise. Schließlich wurde am 17. Mai 1953 in Saarbrücken der Saar-Sängerbund mit zunächst 228 Mitgliedsvereinen und 10.799 aktiven Mitgliedern neugegründet.

Die Geschichte des SSB seit seiner Wiedergründung ist in den Anfängen hervorragend dokumentiert in der Zeitschrift Die Kulturgemeinde, kurzzeitig Neue Kulturgemeinde betitelt, und ab 1958 in der Zeitschrift Saar-Sänger-Bund, die seit 1976 Chor an der Saar heißt. Die Entwicklung des saarländischen Chorwesens in der Nachkriegszeit ist in Grundzügen vergleichbar mit der bundesdeutschen Entwicklung. Grob, aber durchaus zutreffend skizziert Wikipedia: „Zwischen 1950 und 1970 erlebten die Männerchöre eine neue Renaissance, da in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg traditionelle Werte wie Familie und Heimat wieder zählten. In der Zeit nach 1968 geriet die Sängerbewegung jedoch in eine Krise, weil sie der kritisch eingestellten jüngeren Generation oftmals als konservativ, rückwärtsgerichtet und kitschig erschien. [...] Dem teilweise dramatischen Schwund an Sängern suchten die Gesangvereine zunächst dadurch zu begegnen, dass sie auch Frauen aufnahmen und damit zu gemischten Chören wurden. Wegen Überalterung mussten jedoch zahlreiche Chöre aufgelöst werden. Seit den 1990er Jahren sind auch Bestrebungen zu beobachten, durch ein international ausgerichtetes Repertoire und moderne Popmusik junge Leute anzusprechen. Im Zeitalter leicht konsumierbarer Massenmusik, in der die Tradition des anspruchsvollen Chorgesangs weitgehend abgebrochen ist, gestalten sich diese Bemühungen nicht unproblematisch. Es zeigt sich jedoch, dass auch junge Menschen [...] Chorgruppen gründen, die meist mit viel Enthusiasmus gute Erfolge erzielen, weil sie sich mit modernem [...] internationalem Liedgut beschäftigen. Langjährig bestehende Gesangvereine sind teilweise diesem Liedgut nicht aufgeschlossen und finden kaum Zulauf, wodurch eine Auflösung des Chores unabwendbar erscheint. Es sei jedoch angemerkt, dass gerade Frauen einen leichteren Zugang zum Gesang haben und daher reine Frauenchöre sowie gemischte Chöre [...] die Mehrheit gegenüber reinen Männerchören aufweisen“ (de.wikipedia.org/wiki/Gesangverein, 20.05.2012).

Dem gestiegenen Anteil von Frauen-, Gemischten- und Jugendchören sowie dem bereits lange vollzogenen Wertewandel – weg vom Männerbündischen und Nationalen hin zu Jüngerem, zu mehr Internationalität und musikalischer Offenheit – trug der SSB 2005 mit der Umbenennung in Saarländischer Chorverband (SCV) Rechnung.

Der Saarländische Chorverband ist heute ein starker Verband als Dachorganisation von rund 400 saarländischen Laienchören im weltlichen Bereich, denen über 10.000 Sänger/-innen angehören. Er vereint alle Formen chorischen Singens, von der Klassik bis zur Moderne, vom Volkslied bis zum Jazz, vom Männerchor bis zum Konzertchor. Er bildet Chorleiterassistenten, Vizechorleiter und Chorleiter aus, bietet vielfältige Weiterbildungsmöglichkeiten für Chorleiter und -sänger und veranstaltet Chorwettbewerbe, Konzerte sowie sonstige künstlerische Begegnungen. Der SCV fördert das Singen mit Kindern und Jugendlichen, etwa durch den LandesJugendChor Saar, durch Auszeichnungen für Kindergärten oder durch finanzielle Unterstützungen. Die SCV-Mitglieder erhalten aktuelle Chor-Informationen und profitieren von günstigen GEMA-Pauschalverträgen, von Beratung in musikalischen, organisatorischen und finanziellen Fragen, des Weiteren von finanzieller Förderung von Kompaktproben, chorischer Stimmbildung und Konzerten und schließlich von einem leistungsstarken Versicherungsschutz. Dank dieser Maßnahmen, ebenso durch Chor-Neugründungen, welche Abgänge ausgleichen, können die Mitgliederzahlen seit Jahren weitgehend konstant gehalten werden.

Rainer Knauf